Robert Schulte-Frohlinde


"Stadtschloss"

14. November 2009

Die sogenannte "Debatte" um die Wiedererrichtung des Stadtschloss in Berlin ist ein Beispiel für die künstliche Öffentlichkeit, die durch die Medien in Deutschland themenbezogen gebildet wird. Es handelt sich nicht um eine Kommunikation der Bürger über einen Gegenstand des öffentlichen Interesses ("res publica"), die durch die Presse zwischen diesen Bürgern vermittelt wird, sondern um die Vorstellung eines solchen Diskurses zwischen den Bürgern durch die Medien, deren Inhalt aber nicht durch die Empfänger bestimmt wird.

Zwei Dinge bestimmen diese Debatte. Die Entscheidung, das Stadtschloss wieder zu errichten, ist vorgegeben. Über die politische Bedeutung dieses Gebäudes wird nicht gesprochen.

So wird das Wort "Stadtschloss" verwendet, als würde damit ein Schloss für die Stadt, für die Bürger errichtet. Die ursprüngliche Bedeutung dieser Bezeichnung meint allerdings das Schloss der Hohenzollern in der Stadt, in der civitas.

So betrachtet, wird hier im Zentrum der Hauptstadt der zweiten Republik das Schloss der Hohenzollern wieder errichtet. Ein Name, der für die geschichtlichen Bedingungen steht, die Ursache seiner Zerstörung sind.

Eine Name, der für König Friedrich Wilhelm IV steht, der die ihm 1848 angetragene Krone eines demokratischen Deutschland als "Schweinskrone" ablehnte und damit die Hoffnung auf ein demokratisches Deutschland zerstörte.

Ein Name, der für König Wilhelm II. steht, der Deutschland in den ersten Weltkrieg führte, vor dessen Folgen er selbst feige floh.

Ich denke daran, was die Menschen empfinden würden, deren Hoffnungen 1848 zerbrochen sind; was die Menschen empfinden würden, die den ersten Weltkrieg erleiden mussten; und was die Menschen empfinden würden, die dann vergeblich um die Weimarer Republik gerungen haben, angesichts einer scheinbar von Gottes Gnaden gekommenen Entscheidung, dieses Zeichen als hohle Fassade im Zentrum Berlins wieder zu errichten.